Es lebe die Altenrepublik!

Als Bergmolch bin ich nicht nur Alpenexperte, sondern auch erfahren mit Altenfragen. Und ich werde nicht müde darüber zu sprechen. Kriegen wir es nicht tagtäglich mit? Das Gefasel über den Bedarf an altengerechten Wohnungen, neuen Betreuungsplätzen und so weiter? Ich frage mich da immer, ob früher denn niemand alt wurde.

Ist schon klar: Die Babyboomer kommen bald in die Jahre. Und da muss vorgesorgt werden. Und es wird wieder ohne Ende gebaut. Wie damals, als die Boomer zur Welt gekommen waren. Mit dem Ergebnis, das aus den ganzen Neubaugebieten der Suburbias in Deutschland kleine Geisterviertel geworden sind. Die jetzt Alten ziehen in die Innenstädte oder dorthin, wo die Kinder hingegangen sind. Wer übernimmt schon den Neubaubarock der 60er Jahre? Und nun folgen altengerechte Wohnungen, möglichst stadtzentral, die zwanzig Jahre später niemand mehr benötigt. Weil die Babyboomer es selbst mit dem Babyboomen nicht so hatten.

Und dann? Dann sind die Innenstädte vergeistert, zumindest in den Vororten und Mittelstädten. Ich kenn das noch aus meiner Kindheit. Da gab es rund um den Bolzplatz an meiner Grundschule Wohnhäuser, die irgendwann in den 60er und 70er Jahren hochgezogen wurden. Da konnte man dann 10 bis 20 Jahre unbeschwert bolzen. Schließlich hatte man eigene Kinder. Und als “wir” dann in dem Alter waren, störten die klirrenden Gitter, auch die auf das Grundstück fliegenden Bolzplätze nervten ungemein. Und dann wurde der Bolzplatz irgendwann geschlossen. Da ging es dann um Lärmbelästigung und so. Lärmbelästigung – na klar, neben einer Grundschule, in unmittelbarer Nähe eine Bundesautobahn.

Wie wird das dann in den Innenstädten der Zukunft sein? Wird man Toleranz erwarten dürfen? Oder darf man sich schon gefasst machen auf die Rückkehr von Kneipensperrstunden, weniger Open-Air-Getue und Sonderspuren in der Fußgängerzone für Rollatoren?

Ich weiß ja nicht. Die, die zu meiner Kindheit alt waren oder jetzt zu den Alten gehören, haben trotz aller Macken Heldenstatus verdient. Kaum nachzuvollziehen, dass die ganz ohne seniorengerechtes Wohnen in der Innenstadt überleben konnten, Fünfe auch mal gerade sein lassen konnten (außer der besagte Schulnachbar).

Und die, die jetzt alt werden? Die können sich offensichtlich schöne Residenzen in Citynähe leisten, durften noch ohne große Gefahr ungeschützt das andere Geschlecht (und das gleiche ebenso) kennen lernen, studierten ohne Studiengebühren, bekamen Eigenheimzulage und konnten sich über wohlfeile politische Entscheidungen freuen, zum Beispiel niedrigere Steuern. Von “uns” kann sich schon kaum noch einer ein Auto leisten. Geschweige denn eine Bude in der Innenstadt. In den 70er und 80er Jahren rissen sie historische Gebäude nieder, planten nie bebaute Gewerbegebiete und erheben heute den Zeigefinger, wenn die “Neuen” etwas aus ihrer Hood machen wollen. Zum Beispiel einen Bolzplatz für ihre Kinder.

Kuriose Situation, oder?