Schönreden…

OLYMPUS DIGITAL CAMERANeulich war wieder so ein Abend, an dem ich mir eine objektiv missliche Lage wieder einmal schönreden musste. Es war Weiberfastnacht und ich landete tatsächlich irgendwann in einer Kneipe, in denen ein Großteil der anwesenden Menschen verkleidet gewesen war. Zuvor war ich in drei anderen Läden und hatte mir einen entsprechenden Pegel bereits angetrunken.

Wie war es dazu gekommen? Ich hatte eine Verabredung in einer traditionellen Bierkneipe angenommen und fuhr, wie so oft, mit dem Auto in die entsprechende Stadt. Sollte der Abend ausarten, hätte ich ja irgendwo unterkommen können – so zumindest der Gedanke. Ich hätte auch mit dem Zug kommen können mit der Konsequenz, dass der Abend schon früh mich beendet gewesen wäre. Und dies widerspricht dann immer der allabendgegenwärtigen Hoffnung, dass ja noch irgendetwas gehen könnte. Selten wird diese Hoffnung Wirklichkeit. Aber was soll’s.

Man kann sich schon glücklich schätzen, wenn in einer Kneipe an Weiberfastnacht keine Leute aberwitzige Kostüme tragen oder Schnürsenkel abgeschnitten werden. Wenn es dann noch ein Frischgezapftes gibt, kann man sich als karnevalsresistenter Herr in der gefährlichsten Jahreszeit dieser Republik glücklich schätzen. Da nimmt man auch Gespräche über Chlamydien, Jürgen Klopp und Aftershave aus dem LIDL gerne in Kauf.

Nach zwei Stunden trafen wir die Entscheidung, in eine der angesagtesten Lokale der Stadt zu gehen, immerhin sollte dort eine Coverband auftreten – richtig, eine Coverband. Heutzutage lässt man sich auch damit zufrieden stellen. Im ganzen Land touren Phil-Collins- und Rolling-Stones-Kopien, um die Generation ü50 daran zu erinnern, wie schön das Leben einmal war. Diese Coverband imitierte den Spirit später Grunge-Zeiten. Meine Generation ist also nicht besser als die andere. Wir sehnen uns auch danach zurück, dass es wieder nach “Teen Spirit” riecht – zumindest für einen kurzen Moment, danach muss man wieder auf’s Klo.

Danach ging es noch in eine andere Kneipe mit der alten Besetzung. Dort ging es dann um Jägermeister-Runden und die Feststellung, dass auch gentrifizierte Kneipen nur Bier ausschenken. Auch wenn die kleinste Tulpe gleich mindestens um einen Euro teurer ist als in der ersten Pinte, in der wir an diesem Abend Station gemacht hatten. Das Flair ist natürlich ein ganz anderes. Die Leute knobeln in diesen hippen Läden nicht. Wenn sie über Fußball reden, hat das auch mehr mit Alfons Schuhbeck zu tun als in alten Eckkneipen, wo man Leuten wie Hans-Peter Briegel oder “Katsche” Schwarzenbeck nachweint. Nein, für die Leute in diesen neuen Läden ist Fußball kein “Männersport”. Hier wird das Spiel filetiert. Wurde zu sehr in die Breite gespielt? Wo fehlten öffnende Pässe? Aber: Man fühlt sich einigermaßen cool, wenn man da sitzen und Leuten beim Philosophieren über das runde Leder zuhören darf. Auch wenn ein 0,3 l Glas Bier fast drei Euro kostet.

Die alte Truppe ging nach dieser Etappe zum Bahnhof und nutzte die letzte Möglichkeit, nach Hause zu kommen. Ich kümmerte mich rechtzeitig um eine neue Mannschaft und stolzierte in besagte Gaststätte in unmittelbare Nähe. Dort wollte man schon an der Tür Eintritt nehmen, im Gegenzug bekam man drei Wertmarken, die gegen Flüssigware an der Theke einzulösen waren. Wir gehörten zur unverkleideten Minderheit. Eine Frau älteren Semesters fragte mich, als was ich mich denn verkleidet hätte. Ich schaute verstört in ihre Augen und sagte: “Wie Che Guevara, sieht man das nicht?” Immerhin trug ich an dem Abend meinen Parka und hatte mich ein paar Tage lang nicht wirklich rasiert. Die Frau schaute komisch und ging weiter. Wir tranken noch zwei, drei Bier miteinander und beobachteten die anwesenden Leute. Die Generation ü50 fand wohl kein Pink-Floyd- oder Chris-de-Burgh-Coverbandkonzert in der Region und machte sich auf in den Karneval des Ruhrgebiets. Dort wurden Frauen aller Alters- und Kostümklassen begattet, die entsprechende Annäherungsversuchen gekonnt ignorierten oder sich darauf einließen.

Meine Begleitung in diesem Laden ging dann auch irgendwann nach Hause. Ich blieb noch für einen Moment dort und schaute in mein Glas. War es genau das, was ich an dem Abend erleben wollte? An einem Freitagmorgen um drei Uhr morgens in einer Kneipe irgendwelchen als Biene Maja verkleideten Leuten beim Tanzen zu irgendwelchen Schlagern zuzusehen? Gegenfrage: Was hätte man denn sonst am zweitschlimmsten Abend des Jahres erwarten sollen?

Zu allem Überfluss vergaß ich, mich um eine Übernachtungsmöglichkeit zu kümmern. Und auf eine neue Tresenbekanntschaft hatte ich keine Lust. Also verließ ich irgendwann den Laden, nahm einen kurzen Abstecher an einer Dönerbude und machte mich auf Richtung Auto. Dort angekommen, machte ich mich quasi bettfertig. Ich stellte den Fahrersitz zurück und suchte die richtige Person. Meine Jacke, eine M65 (Fernsehlegende Horst Schimanski trägt so eine), sollte meinen Körper in den kommenden Stunden wärmen. Für einen längeren Moment war ich glücklich. Immerhin war mir erinnerlich, dass auch Götz George als Schimanski seinen legendären Citroën CX 25 als mobile Schlafstätte genutzt hatte – und was gibt es Schöneres als zu glauben, man sei Horst Schimanski?

Hinweis: Die Rechte für diesen Filmausschnitt liegen beim WDR.