Verrückte Ideen – Der Treibsandgänger

Manchmal kommt man schon auf komische Ideen. Ich rede nicht von Filzstiften im Ohr, Steven Tyler auf einer Beauty-Farm oder dem ganzen anderen üblichen Crazy Shit. Ich will auch nicht über Mowgli reden, der glaubte ein Wolf zu sein. Oder über meine drei Hausaffen, die sich abends darüber streiten, wer auf dem Fußende meines kreisrunden Wasserbetts Platz nehmen darf. Meine Hausaffen können im Übrigen eigenständig ihren Schlips binden! Aber auch das scheint nicht verrückt genug zu sein.

Besonders bescheuerte Situationen sind diese, in die man sich selbst hinein manövriert und nur ganz schlecht wieder selbst herauskommt. Gerade mir passiert so etwas ganz schnell und unverhofft. Ich nenne mich manchmal auch deswegen den Treibsandgänger. So wie neulich auf einer Fete. Keiner weiß, warum ich überhaupt dort war. Ich kannte auch keinen dort. Es gab in dem Gebäudekomplex wohl mehrere sogenannte Mehrzweckräume. Mehrzweckräume sind traditionell mit einer Einbauküche (anzeigenzeitungendeutsch: EBK), einem zusätzlichen Kühlschrank, ein paar alten Eckbänken und es mufft ganz schön nach Bohnerwachs. Der Hauswart hat es gerne gründlich. Manchmal grüßen auch Hirschgeweihe von der Wand. Der Unterschied zwischen einem Mehrzweckraum und einer Mehrzweckturnhalle ist der, dass in einem Mehrzweckraum Bockspringen ausdrücklich verboten ist und in einer Mehrzweckturnhalle wohl besser verboten wäre. In diesem Mehrzweckraum gibt es sogar ein Schild, auf dem “Bockspringen verboten!” geschrieben steht. Der Hauswart ist gerne gründlich.

Also: Ich war in diesem Raum, ein paar junge Leute standen um einen Sangria-Eimer, der auf einem dieser typischen Plastik-Stehtische platziert war, die ihre besten Tage längst erlebt hatten. Die Scharniere waren dank des ganzen Kräuterlikörs, der die letzten 30 Jahre über den Tisch gelaufen gewesen war, nicht mehr beweglich. Viele dieser Tische können deswegen nicht mehr platz- und raumsparend verstaut werden. Andere Exemplare sind kaum noch nutzbar, weil sie zu oft an Vatertag von betrunkenen Vätern und besoffenen Leuten, die gerne Papa wären, mit einem Nagelbalken verwechselt werden. Wo ist eigentlich der örtliche Friedhof für alte Plastikstehtische? Ich habe da noch einen, dem ich gerne die letzte Ehre erweisen würde.

Fünf Leute standen dort und starrten den Eimer an. Keinen davon hatte ich je zuvor gesehen. Später sollte sich herausstellen, dass auch sie sich nicht gekannt hatten. Nur der Eimer kam allen bekannt vor. Deswegen standen sie dort. Am Ende des schlauchartigen Raums versammelte sich die Sippe des Geburtstagskinds. Die ganzen Ballons wiesen darauf hin, dass die Festivität in diesem Mehrzweckraum eine Geburtstagsfeier gewesen sein musste. Standesgemäß stellte ich mich allen Anwesenden vor. Und fragte irgendwann am Stehtisch, ob sie das Geburtstagskind schon gesehen hätten. Immerhin wollte ich mein Geschenk schnell loswerden. Bevor mein Sakko geklaut wird oder das Geschenk in meine rechte Socke wandert. Kommt nicht so gut. Die am Stehtisch meinten, dass der Junge sich verspäten würde. Jeder von ihnen hatte das felsenfest behauptet. Dabei, so erfuhr ich später, meinten keiner von ihnen das gleiche Geburtstagskind. Der erste setzte bereits seinen Strohhalm ins mit Orangen gespickte rote Meer und blies Sangria-Blasen. Lecker.

Den Verwandten des Partyveranstalters wurde es irgendwann zu bunt. “Wo bleibt er denn?”, fragte eine etwa 70-jährige Frau, “ich kann nicht mehr lange warten”. “Worauf warten Sie denn?”, fragte ich höflich. “Na, auf das erste Likörchen”, antwortete sie. Einer von der Eimer-Truppe rief dann: “Gönnen Sie sich doch was! Er kann ja wohl nicht erwarten, dass wir hier verdursten würden ohne ihn!” Sie nickte ihm zu und öffnete die erste Flasche Kaffeecremelikör.

Mittlerweile hatte ich mir auch schon ein paar Bier gegriffen. Einer der Verwandten schenkte mir auch immer mal wieder ein Pinnchen mit feinem Obstwasser ein. Einer der Eimer-Jungs wurde von der einzigen Eimer-Frau ermuntert, mal Musik anzumachen. Immerhin stand da schon eine spielbereite Anlage und wartete auf Futter. Er schloss seinen MP3-Player an und spielte Phil Collins. Das war offenbar massenkompatibel in diesem Raum. Nur für mich nicht.

Fast zeitgleich mit dem Einsatz des legendären Schlagzeugsolos aus “In The Air Tonight” kam das Geburtstagskind in den Raum. “Hier bin ich!”, rief es und schnaufte ein wenig. Die Strecke vom Bahnhof zum Mehrzweckraum war zwar nicht weit, aber bei falscher Krafteinteilung können 100 Meter Fußmarsch schon ganz schön anstrengend sein. Ich drehte mich um und schaute den Typen an – ich erkannte ihn nicht. Ich war wohl auf der falschen Fete. Der Mann guckte nicht nur mich komisch an, offensichtlich war ich nicht der einzige falsche Passagier auf diesem Schiff. Neben mir verließen noch vier des Eimer-Quintetts und zwei Personen vom Verwandtschaftstisch so schnell wie möglich den Mehrzweckraum. Die angefangene Pulle Pils als Wegzehrung ließ ich mitgehen.

Auf dem Gang starrten wir uns alle komisch an. “Was war das denn?”, fragte ich. “Keine Ahnung”, meinte einer der Jungs von der Sangria-Abteilung. “Das letzte Mal hatte ich so ein Erlebnis im Sambazug”, sagte einer der beiden, die vorhin noch bei der Sippe saßen, “im Tanzabteil fiel mir auf, dass ich gar nicht mit meinem Kegelclub unterwegs war”. “Sie scheinen wohl öfter auf der falschen Veranstaltung rumzulaufen. Haben Sie denn nicht erkannt, dass das gar nicht Ihre Verwandten waren?”

Naja, nach einer Weile fand ich den eigentlich gesuchten Mehrzweckraum, in dem mein Kumpel feiern wollte. Zwei der Eimer-Kolonne stellten sich auch als etatmäßige Partygäste auf dieser Fete heraus. Schnell waren wir der Running Gag – für die richtigen Verwandten, Freund, Feind und den Hauswart.

Das war also gerade noch einmal gut gegangen. Dann aber gesellte ich mich zu den Leuten, die ich mittlerweile durch die Partys der letzten Jahre – Geburtstag, Monatstag vom letzten Geburtstag, Semesterstart, Studienabschluss, Fußball, Phil-Collins-Konzert-Vorsaufen – kannte. Manche hatte ich schon länger nicht gesehen, andere erst zwei Tage zuvor an irgendeinem Tresen des Ruhrgebiets. Dort standen ein Mann, ein wahrer Drinking Mate, eine ganz alte Freundin von mir, eine etwas frischere weibliche Bekanntschaft und eine Frau, die ich an diesem Abend erst kennen lernen durfte.

Der Drinking Mate mixte ihm und mir erst einmal ein paar frische Drinks, damit wir schnell beziehungsweise noch besser auf Touren kommen konnten. Er ist ein guter Freund von mir. Auch wenn wir nur zusammen trinken gehen. Wir können über alles reden. Über Biersorten, Grilltechniken, Phil Collins, Frauen und – natürlich – Fußball. Wenn der Pegel stimmt, laufen wir über Autos oder fliegen wahlweise auf die Klappe. Wir sind ein dynamisches Duo. Je betrunkener, desto dynamischer sind wir. Einige Male hatten wir uns auch als gegenseitige Wingmen ausprobiert – also als solche Kumpel, die dem anderen bei einer Frau oder einem Kaktus den Weg freiräumen wollen. Da fallen einem ganz schnell lustige Figuren ein, die man spielt. Die Astronauten-Nummer ist da bei weitem nicht die am meisten ausgelutschte.

Das Problem an diesen Happenings mit ihm ist leider, dass ich hier ganz schnell zum Treibsandgänger werde. Je schärfer die erfundene Story ist, desto schlechter kommt man am Ende wieder heraus. Die wahre Geschichte – also wer man wirklich ist – kann man kaum noch auflösen. In aller Hoffnung auf wenigstens einen Stich – um den geht es mir in aller Regel eigentlich gar nicht – dekodiert man sich dann nicht und spielt Cowboy, Klempner, Polizist.

So war es auch an diesem Abend. Wobei die Angaben zu meiner Person das war, was aus mir an diesem Abend wieder eine Figur kreierte. Vielmehr war es die Art und Weise, wie ich mich darstellte. Klar: In meine Trickkiste gehören immer eine Menge an absurden Fragen, die mein Gegenüber zur Weißglut oder zum Tränenlachen bringen sollen:

  • Hast du schon mal in ein Glas gebissen?
  • Warst du schon einmal in einem Theater?
  • Benutzt du deine Füße auch zum Öffnen des Kühlschranks?
  • Wählst du CDU?
  • Bist du verliebt?
  • Und wenn ja, wie viele?
  • Hast du schon mal einen Elch gesehen?
  • Nach dem ersten Gang zum Klo: “Ach Hallo! Waren Sie gerade schon hier?

Manches ist natürlich ein bisschen übertrieben. Wenn es mich besonders reizt, versuche ich das schelmischste Schimanski-Lächeln zu zaubern und leicht stotternd und stets silbenwiederholend zu stochern. Das geht auch gut. Schlimm wird es, wenn ich immer wieder auch den Lanz einbaue. Der geht so: Man fragt eine Frau, die man bislang zumindest noch nicht gut kannte und bezieht bei der Frage eine (bekannte) andere Person ein. Man dreht sich leicht von der Frau ab, beugt sich mit dem Kopf zur anderen Person, zeigt mit dem Zeigefinger auf sie und sagt so etwas wie: “Bei dir hat es das doch auch schon mal gegeben. Stimmt doch, oder?” Wenn man das nicht nur ein- oder zweimal macht, verlässt das einen nicht mehr. Den Lanz wird man nicht mehr los.

So wie neulich. Da ging’s um Phil Collins, Gary Barlow, Wetten, dass…?, Bauhaus und Sekt. Eigentlich war das alles ja ziemlich interessant. Aber ich kam einfach nicht mehr aus diesem Scheiß heraus. Ist schon blöd, wenn man Bühne und Wirklichkeit verwechselt. Wäre ich doch besser beim Sangria geblieben.