Welche Krankheit hat Herr Wagner??

Viele Zeitungen in Deutschland sind erkrankt, einige von ihnen sterben gar. Andere wiederum erweisen sich als resistente Viren, die bisweilen in unserer Gesellschaft ihr Unwesen treiben. Gestern Morgen war es wieder einmal soweit: Ein gewisser Herr Wagner, vielen von uns bekannt aus seiner Montags bis Freitags in einer großen deutschen Boulevardzeitung erscheinenden Kolumne (” Post von Wagner“), schrieb an Samuel  Koch.

Richtig: Samuel Koch ist derjenige, der als Wettkandidat bei Wetten, dass? In der Show am 4. Dezember 2010  einen schrecklichen Unfall hatte und seit dem schwerbehindert ist.

Nachfolgend wird die gestrige Kolumne von Herrn Wagner im Wortlaut wiedergegeben, denn nur so wird deutlich, warum ich bereits während des Frühstücks eine Würgeattacke bekam.

„Lieber Samuel Koch,

 

Von FRANZ JOSEF WAGNER

 

 

Sie sind auf der BILD-Berlinale-Party aufgekreuzt und bis zum Morgen geblieben, im Rollstuhl. Sie haben an einem Champagnerglas genippt, das Ihnen ein Freund an die Lippen führte, weil Sie Ihre Arme nicht bewegen können.

 

So viele Stars waren da, geschminkt, wohlriechend, mit Kleidern bis zum Po.

 

Der Star waren Sie.

 

Nach dem „Wetten, dass …“-Unfall lebten Sie zwischen Dämmern und Wachen. Das Leben nahmen Sie wahr, wenn die Fenster geöffnet waren und der Wind Ihr Gesicht streifte.

 

Ich bewundere Sie, lieber Samuel Koch, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis ihrer Behinderung bleiben.

 

Sie können nicht tanzen. Ihre Nase juckt, Sie können nicht kratzen.

 

Wenn man Ihnen die Hand geben will, können Sie es nicht. Sie haben keine Kraft, anderen Menschen Ihre Hand zu geben.

 

Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume.

 

Deshalb waren Sie im Rollstuhl auf dieser Party.

 

Ich hoffe, dass Sie in Ihren Träumen bis zum Abwinken tanzen konnten.

 

Herzlichst

 

F. J. Wagner”

Nachdem ich mich von meiner Würgeattacke erholt hatte schoss mir eine Reihe von Fragen in den Kopf. Dieser Herr Wagner ist der ein netter Mensch? Wollte Herr Wagner nett sein und wusste vielleicht nicht wie das geht? Oder ist Herr Wagner vielleicht krank und wenn ja wie heißt diese Krankheit?

Bei genauem Hinsehen wird deutlich Herr Wagner ist krank. Er beschäftigt sich in seiner Kolumne überwiegend mit den Dingen, die Samuel Koch aufgrund seiner Behinderung nicht kann und drückt sodann seine Bewunderung dafür aus, dass Samuel Koch an der BILD-Berlinale-Party  teilnimmt und nicht in der Finsternis seiner Behinderung bleibt. Mit welchem Recht maßt Herr Wagner sich an zu beurteilen, dass Behinderung Finsternis bedeutet?! Die Finsternis besteht einzig und allein im Kopf des werten Herrn W. Die Kolumne vom 11.02.2013 zeigt eine sehr eindimensionale  Denkweise. Diese hat in unserer Gesellschaft eigentlich schon lange nichts mehr verloren.

Es wäre aufrichtig und ehrlich gewesen zu Samuel Koch hinzugehen, mit ihm zu reden, zu trinken, zu feiern und es dabei zu belassen. Samuel Koch möchte mit Sicherheit nicht bemitleidet werden und im Kontext dieser Kolumne bewundert zu werden, ist auch eher ein zweifelhaftes Vergnügen. Doch am Ende des Tages muss die Axel Springer AG Geld verdienen und so entstand diese schwachsinnige Kolumne.

Das wirklich Tragische daran ist, dass die von der Axel Springer AG verlegte Boulevardzeitung, in der die Kolumne erschien, von Millionen Leuten gelesen wird und Herr Wagner diese alle mit seiner Krankheit anstecken könnte. Die Krankheit an der Herr Wagner leidet heißt  „Gutmenschentum“.

So werden von vielen Menschen ganz alltägliche Dinge (wie z.B. der Besuch von Diskotheken oder Konzerten) als etwas gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz besonders großartiges dargestellt, wenn sie von einem Menschen mit Behinderung unternommen werden. Schlussendlich wird dann hinter vorgehaltener Hand dann doch darüber gesprochen wie schwer es die jeweilige Person doch hat. Gutmenschen wollen etwas Gutes tun, sie sind letztlich jedoch an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.

Leider ist diese Krankheit in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet und führt dazu, dass wir uns über noch größeren Schwachsinn (beispielsweise Inklusion) unterhalten müssen. Doch dies wird uns in einem der nächsten Artikel beschäftigen.

Herr Wagner sollte sich dringend untersuchen lassen und sich bei Samuel Koch persönlich entschuldigen.

One Response

  1. XX
    XX 12. Februar 2013 at 12:36 | | Reply

    Ob das “Gutmenschentum” ist, wage ich mal zu bezweifeln. Darüber kann man aber diskutieren. Heuchelei und eine ganz fiese Form, Leser für ein Blatt zu interessieren, sind es allemal.

    Ob der Betroffene diese Form der Heuchelei erkennt oder ob er sich tatsächlich über diese Form der Aufmerksamkeit freuen kann, kann ich auch nicht beurteilen. Im Zweifel sollte hier aber gelten, dass der Schutz einer Person vor dem Sensationshype geht. Und ob ein “okay” zu so einer Geschichte wirklich vor dem Hintergrund absoluter Selbständigkeit geschieht, weiß man auch nicht.

    Schäbig bleiben Wagners Beurteilungen, die du ganz richtig erkannt hast. Was meintest du denn zum Thema Inklusion?